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Darf ich mich vorstellen? Schwester Inga, angenehm.

September 24, 2010

Alles hatte am 1.10.2007 angefangen. Nur zu gut erinner ich mich an unseren „ersten Schultag“. Viele neue Gesichter, neue Informationen. Es war alles so aufregend. Dann am 12.11.2007 der erste Tag auf Station. Meine Jüngstenstation war die Neurochirurgie. Was ich heute, nach den drei Jahren schade finde. Denn, wenn man eine Ausbildung beginnt, hat man bekanntlich noch kein allzu großes Hintergrundwissen und der Bereich der Neurochirurgie ist wirklich interessant. Heute wüsste ich genau, wie man mit den dort schweren Krankheitsbildern umgeht. Damals wusste ich es nicht. Woher denn auch? In einer 13-Jährigen Schulausbildung behandelt man im Biologieunterricht grundsätzlich andere Dinge, als die Krankheitslehre des Menschen.

Anfangs war ich mir nicht sicher, ob Gesundheits- und Krankenpflegerin der richtige Beruf für mich sei. Andere aus meinem Kurs sahen es eher als Berufung. Ich war nicht mit vollem Elan dabei. Habe ab und zu überlegt, die Ausbildung vorzeitig zu beenden. Im März 2008 stand dann die erste Prüfung vor der Tür. Die Probezeitprüfung. Dort mussten wir einen praktischen, einen schriftlichen und einen mündlichen Teil ablegen. Leider gehörte ich zu den zwei Personen, die ihren praktischen Teil wiederholen mussten. Und auch erinner ich mich an die Person, die mein erstes Durchfallen mit lauter Schadenfreude betrachtet hat. Es gleich via Internetplattformen verbreiten musste. Ich bestand meinen zweiten Anlauf und kam dann zu folgendem Ergebnis:

  • mündlich:        3
  • schriftlich:      1
  • praktisch:        4

Nicht gerade atemberaubend, geb ich ja zu. Im Laufe der Ausbildung war man auf den verschiedensten Stationen eingesetzt und mit jeder weiteren Unterrichtsstunde wuchs mein Interesse an diesem Beruf. Ich verstand worum es geht. Sah das Wohl des Patienten nun stets im Mittelpunkt und gab alles um den Patienten in seinem Genesungsprozess zu unterstützen bzw. ihn beim Sterben zu begleiten. Wichtig ist es, auf die Bedürfnisse des Patienten einzugehen.

Im November 2009 habe ich mein absolutes Fachgebiet entdeckt. Die Neurologie. Auch wenn neurologische Patienten meistens unheilbar krank sind, konnte man doch immer wieder Fortschritte in ihrer Genesung erkennen und einem ist klar vor Augen geführt worden, wie wichtig doch die Pflege zusammen mit der Physiotherapie ist. Ich durfte mich selbst davon überzeugen,  dass ein halbseitengelähmter Patient auf einmal wieder selbstständig an einem Gehstock laufen konnte, trotz anhaltender Lähmung.

Darum gefiel es mir auch umso besser, dass ich mein praktisches Vorexamen auf der Neurologie ablegen musste. Mündliche Prüfung gab es dann auch im Dezember 2009, ebenso einen schriftlichen Teil, dessen Note sich aus allen Klausuren innerhalb der Ausbildung ergaben. Mein Ergebnis sah wie folgt aus:

  • mündlich:      2
  • schriftlich:     1
  • praktisch:      2

Hier war schon eine deutliche Besserung und mein wachsendes Interesse zu erkennen. Ich hatte mich von einer der Schlechtesten zu der Besten hochgearbeitet.

Das letzte halbe Jahr verbrachte ich z.B. mit einem Einsatz in der Karl-Jaspers-Klinik in Wehnen. Wir hatten im März unser „Schüler-leiten-eine-Station-Projekt“ wo ich glücklicherweise auch wieder auf der Neurologie eingesetzt war. Und ehe man sich versehen hat war schon Juli und die ersten praktischen Prüfungen standen an. Leider musste ich meine komplette Pflegeplanung, die ich mir mühselig ausgearbeitet habe, während der Prüfung über den Haufen werfen, da eine meiner beiden Patienten aufeinmal operiert werden sollte und bei der anderen der Verdacht einer Thrombose im Raum stand. Da ich aber in den drei Jahren stetig dazugelernt habe, wusste ich wie ich handeln musste und handelte im Endeffekt richtig. In meinem Nachgespräch gab es nichts zu bemängeln, es gab nur Lob. Da ich mich aber nicht sehr gerne selbst einschätze, sagte ich, dass meine Prüfung bestimmt eine „3“ ist. Daraufhin schaute mich meine Prüferin verstutzt an und sagte nur: „RAUS!“ und „Also wenn ich mal kollabiere, darfst du sehr sehr gerne zu mir kommen und mich pflegen.“

Ich ging mit einem guten Gefühl aus dieser Prüfung. Ich wusste es ist mindestens eine 2. Zu dem Zeitpunkt der Prüfung wusste ich allerdings auch schon, dass ein zweites Herz in mir schlägt. Ich behielt es aber allerdings erstmal für mich, denn ich wollte auf gar keinen Fall irgendeinen Sonderstatus während der Prüfung  haben.

Dann war Mitte August. Die schriftliche Prüfung stand vor der Tür. Dieses Mal mussten wir an drei aufeinanderfolgenden Tagen zu je 2 Stunden eine Klausur schreiben. Die Lernphase war von Übelkeit und Müdigkeit geprägt. Ich wusste, ich muss lernen, aber leider bin ich tagtäglich immer wieder eingeschlafen und hab ein Pseudolernen durchgeführt. Einfach mit der Decke aufs Sofa gelegt, Lernzettel in der Hand und die Augen geschlossen und letztendlich geschlafen. Während der schriftlichen Prüfung hatte ich auch mit meiner Übelkeit zu kämpfen. Aber auch aus dieser Prüfung ging ich mit einem guten Gefühl. Als mein Freund mich fragte, wies denn gelaufen sei sagte ich: „Also ich wäre schon enttäuscht, wenn das keine 1 wird.“

Und ehe man sich versah war auch schon der 17. September. Der letzte Teil der Prüfung stand an. Ich hoffte auf ein gynäkologisches Fallbeispiel. Ich zog eine Kugel, schaute drauf: 25! Juhu! Adnexitits! Perfekt! Die mündliche Prüfung verlief auch gut, ich hatte wirklich ein gutes Gefühl und war einfach nur noch erleichtert, dass alles vorbei war. Jetzt hieß es nur noch warten bis 14:30 Uhr. Dann sollten wir alle endlich unsere Ergebnisse erfahren.

Ich hab zu meiner Unterstützung meinen Freund mitgenommen und sagte noch auf der Hinfahrt zur Schule: „Wenn ich kein Schnitt von eins habe, dann weine ich.“ Mag für manche jetzt arrogant klingen oder so, aber das war einfach mein persönliches Ziel. Das Vorexamen nochmal zu toppen.

Es folgte die Zeugnisvergabe. Alphabetisch. Natürlich. Also musste ich erstmal für 21 Kollegen klatschen, bevor ich dann endlich mein Ergebnis erfuhr. Ok. Inga. Händeschütteln. Herzlichen Glückwunsch. Hier die Urkunde. Da das Zeugnis über die staatliche Prüfung für die Ausbildung der Gesundheits- und Krankenpflege. Ich schaute drauf. Und konnte einfach nur noch Lächeln.


  • mündlich:    1
  • schriftlich:   1
  • praktisch:    1

🙂 Und hier nochmal die Anmerkung für die Person, die sich nach meiner Probezeitprüfung so gefreut hat: Wer zuletzt lacht, lacht am Besten. Oder die Letzten werden die Ersten sein. Danke.

Ja, nun sind drei Jahre vorbei und ich habe mein Examen in der Tasche. Auch wenn einige „Freunde“ von früher anmerken mussten, dass einige aus meinem Jahrgang nun eine Bachelorarbeit schreiben und „Herzlichen Glückwunsch, du hast es zur Krankenschwester geschafft“, ja die Personen wissen dann leider überhaupt nicht, wie umfangreich Krankenpflege eigentlich ist. Dass die Ausbildung alles andere als einfach ist und man es schon mit einem kleinen Medizinstudium vergleichen kann. Dass man in den vergangenen drei Jahren körperlich gearbeitet hat und sein eigenes Geld verdient hat, während andere sich ihren Arsch in einem Hörsaal platt gesessen haben und dass man nach Abschluss der Ausbildung weiß, was man arbeitet und wo man arbeitet und nicht seinen Bachelor gemacht hat und dann nicht weiß ob man überhaupt Arbeit bekommt, geschweige denn was man mit dem Bachelor anfangen kann. Vielleicht bei RTL diversen Frauen Rosen andrehen und widerlich dabei grinsen. Und dass man erst die Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin macht um anschließend ein Medizinstudium zu beginnen, ja davon haben die Langzeitstudenten anscheinend auch noch nichts gehört. Meiner Meinung nach sollte das sowieso Pflicht sein, dass man erst die Ausbildung abschließen muss, ehe man Medizin studieren darf, damit man auch die Arbeit einer Gesundheits- und Krankenpflegerin zu schätzen weiß und nicht Halbgott in Weiß spielt und auch die Bedürfnisse der Patienten besser erkennt.

Ab 1.10.2010 geh ich auf jeden Fall erstmal arbeiten. In der Ammerland-Klinik in Westerstede.

Bis dahin verbleibe ich mit freundlichen Grüßen,

Schwester Inga.

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